50 Jahre BN-Waldprogramm: Festakt in Lohr am Main
Genau 50 Jahre nachdem der Bund Naturschutz (BN) 1976 sein wegweisendes Waldprogramm mit acht Forderungen in Lohr am Main verabschiedet hatte, kehrte der Verband am 10. Juli 2026 an den historischen Ort zurück. Bei einem Festakt an der Bayerischen Forstschule Lohr zog der BN gemeinsam mit Wegbegleitern aus Politik, Forstwirtschaft und Jagd Bilanz über ein halbes Jahrhundert Wald- und Naturschutzarbeit – und stellte aktualisierte Forderungen für einen klimaresilienten Wald der Zukunft vor.
Wie naturnahe und zugleich wirtschaftlich erfolgreiche Waldwirtschaft aussehen kann, erlebten die Teilnehmenden bereits am Vormittag bei einer Exkursion in den Stadtwald Lohr unter Leitung von Michael Neuner, Leiter der Forstverwaltung Lohr. Der Stadtwald weist im Schnitt 15 Biotopbäume und 40 Festmeter Totholz je Hektar sowie einen hohen Holzvorrat auf. 2.700 Hektar des Waldes sind als Natura-2000-Gebiet ausgewiesen, sämtliche Wasserschutzgebiete der Stadt liegen im Stadtwald. Seit 25 Jahren wird nach dem deutschen FSC-Standard und den Prinzipien der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) gearbeitet, 5 Prozent der Fläche sind als Naturwald aus der Nutzung genommen. Der BN kündigte an, in Lohr ergänzende Untersuchungen zur Biodiversität anzustoßen.
Wirtschaftlich zahlt sich der naturnahe Ansatz aus: Von den jährlich rund 25.000 Festmetern Holzeinschlag verkauft die Stadt an 75 stofflich verarbeitende Kunden, bei einem Durchschnittserlös von über 100 Euro je Festmeter – 10 bis 20 Euro über vergleichbaren Betrieben. Erreicht wird dies durch eine besonders intensive Sortierung des Holzes. Der Stadtwald Lohr gilt damit unter bayerischen Kommunen als Vorreiter für Naturwaldschutz und wirbt aktiv für das FSC-Siegel, wenn Forstbetriebe glaubwürdig für Ökologie und Wasserschutz aktiv werden wollen.
In ihren Grußworten würdigten Main-Spessarts Landrat Christoph Vogel, Lohrs Bürgermeister Dirk Rieb und Daniel Kraus von der Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft das jahrzehntelange Engagement des Bund Naturschutz für den Wald.
Professor Hubert Weiger, Ehrenvorsitzender des BN und des BUND, blickte mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse auf die Entstehung des Waldprogramms von 1976 zurück und stellte wichtige Wegbegleiter vor. Zentrale Anliegen von damals prägten die Verbandsarbeit bis heute: die Rückkehr zu naturnahem Waldbau, der Erhalt gesunder Misch, Mittel-, und Auwälder, der Umbau anfälliger Nadelholz-Reinbestände, die Regulierung überhöhter Schalenwildbestände sowie der Verzicht auf Pestizide im Wald.
Dr. Ralf Straußberger, Wald- und Jagdreferent des BN, zeigte in seinem Festvortrag deutliche Fortschritte auf: Der Laubbaumanteil in Bayerns Wäldern habe sich seit der ersten Bundeswaldinventur 1971 verdoppelt, Kiefer und Fichte gingen spürbar zurück. Im Rahmen der Waldumbauoffensive wurden im Staatswald 30 Millionen und im Privat- und Körperschaftswald zwischen 2020 und 2025 rund 60 Millionen sogenannte Klimabäume gepflanzt, mittlerweile gelten rund 112.000 Hektar als bereits umgebaut.
Zugleich besteht laut Straußberger erheblicher Handlungsbedarf, insbesondere wegen der Klimakrise: Nach der Bundeswaldinventur sind über 620.000 Hektar der bayerischen Wälder weiterhin wenig naturnahe, reine Nadelforste ohne Laubbäume. Waldverjüngung und Waldumbau scheitern vielerorts am zu hohen Wildverbiss – seit 2012 sei die Verbissbelastung in 22 Prozent der Hegegemeinschaften durchgehend zu hoch gewesen, nur in 23 Prozent durchgehend tragbar. Hinzu komme ein struktureller Personalabbau: Seit den frühen 1970er Jahren sei die Zahl der Forstreviere in Bayern um 43 Prozent reduziert worden.
„Klimaschutz ist Waldschutz, Waldschutz ist Klimaschutz“ – mit diesem Leitsatz stellte Dr. Steffen Scharrer, Mitglied des BN-Landesvorstands, die zehn aktuellen waldpolitischen Forderungen des Verbands vor. „Ohne echten, wirksamen Klimaschutz retten wir keinen Wald“, sagte Scharrer. Im Klimaspeicher Staatswald müsse Gemeinwohl Vorrang vor Gewinn bekommen – gesetzlich verankert, mit mehr Fachpersonal für Revierleitung und Waldarbeit. Der Waldumbau müsse auch in Privatwald deutlich ausgeweitet werden – mit mindestens einem zaunfreien Waldumbauprojekt pro Forstrevier. Vorrang vor der Pflanzung exotischer Baumarten habe die Naturverjüngung, die zu genetisch vielfältigeren Beständen führe. Mehr Beratung müsse es für Waldbesitzende und Kommunen geben. Bewährt haben sich Waldumbauprojekte auf Ebene der Jagdgenossenschaften, die durch entsprechende Schwerpunktbejagungen unterstützt werden. Hier seien gute Ansätze vorhanden, die aber am Personalmangel häufig scheiterten, ebenso wie am Verbiss durch zu hohe Wildbestände. Deshalb sei das Prinzip „Wald vor Wild“ flächendeckend konsequent umzusetzen. Die Abschussplanung müsse sich strikt an den Forstlichen Vegetationsgutachten ausrichten.
Schadflächen nach Sturm und Käferbefall sollen nach Ansicht des BN schonend behandelt werden, nicht flächig geräumt und nur auf festen Rückegassen befahren werden. Insektizideinsätze lehnt der BN ab. Generell solle ökologisch verträglich bewirtschaftet, das Holz schonend geerntet werden. Bei der Vermarktung sein die Laubholz-Kompetenz auszubauen und neue Verwertungswege zu erforschen, indem etwa rotkerniges Buchenholz im Möbelbau eingesetzt wird.
Im öffentlichen Wald sollen nach Ansicht des BN zehn Prozent echte Naturwälder das Rückgrat eines fachlich fundierten Naturwaldverbunds werden. Insbesondere fehlen zentrale Bausteine bisher in Nordbayern. Deshalb setzt sich der BN weiterhin für einen Nationalpark Steigerwald und eine Biosphärenregion Spessart ein.
„Diese Forderungen hängen zusammen: Ohne Klimaschutz kein gesunder Wald, ohne Wald vor Wild kein Waldumbau, ohne echte Naturwälder keine Blaupause für den Wald von morgen“, so Scharrer zum Abschluss. „Vor 50 Jahren haben engagierte Menschen hier in Lohr Forderungen für die Waldbewirtschaftung aufgestellt. Trotz der erreichten Erfolge bleibt großer Handlungsbedarf, um Wälder zu erhalten und zukunftsfähig zu machen.“







